Seine Hände waren mit Kalk und Salz verschmiert, ihr Haar duftete nach Meereswind. Sie hatten sich an einem Frühlingssamstag auf dem Markt von Rosignano kennengelernt. Sie verkaufte Oliven und getrocknete Tomaten und lachte mit all ihren jugendlichen Falten. Er kaufte ein Kilo Kirschen, bot sie ihr an und sagte: „Eines Tages werde ich dir von meinem Haus aus das Meer zeigen.“ Sie lachte und dachte, das sei nur eine weitere Art, jemanden anzubaggern. Stattdessen waren sie zwei Monate später bereits verheiratet. Und dieses Haus fanden sie genau hier, in Rosignano. Drei Stockwerke. Er sagte: „Es ist zu groß für nur zwei Personen.“ Sie legte eine Hand auf seine Brust und antwortete: „Mach dir keine Sorgen. Wir füllen es mit Kindern und Freunden.“ Und genau das taten sie. Es kamen keine Kinder, vielleicht sollten sie auch gar nicht kommen. Aber es kamen Enkelkinder, Cousins zweiten Grades, alte Damen aus dem Dorf, Musiker auf der Durchreise. Das Haus begann zu atmen. Draußen verriet das Metalltor bereits ihr Schicksal: drei ineinander verschlungene Unendlichkeitszeichen, und in jedem davon die Buchstaben S und F, ihre Initialen. Als hätte jemand vor ihnen gewusst, dass dieses Haus der Ort einer unendlichen Geschichte sein würde. Das Erdgeschoss wurde zum pulsierenden Herzen: die Küche, in der sie Nudeln mit frischer Tomatensoße und Knoblauch kochte, was ihn zur Weißglut brachte, das Wohnzimmer, in dem er sonntagmorgens Gitarre spielte und damit die halbe Nachbarschaft weckte, die beiden Zimmer, die nur darauf warteten, mit zerknitterten Laken und offenen Koffern gefüllt zu werden. Und sie wurden gefüllt. Von Verwandten, von Freunden, von Nachbarn, die samstagabends zum Kartenspiel kamen und bis zum Morgengrauen blieben, um Rotwein zu trinken und schräge Lieder zu singen. Den ersten Stock vermieteten sie eine Zeit lang an junge Paare auf der Suche nach Glück. Dann beschlossen sie, es ganz für sich zu behalten: eine zweite Küche für die endlosen Abendessen unter Freunden, ein zweites Wohnzimmer mit Terrasse, auf der man Weißwein trank und dabei zusah, wie der Sonnenuntergang zwischen den Schornsteinen und dem Meer versank, zwei Gästezimmer, an denen es nie mangelte, besonders im Sommer. Er liebte diese Terrasse mit einer fast unvernünftigen Leidenschaft. Sie liebte die Tatsache, dass er sie liebte. Denn Liebe, das hatte sie gelernt, ist auch das: dem anderen dabei zuzusehen, wie er aufs Meer blickt. Von den Fenstern jedes Stockwerks aus sah man die Dächer der Häuser des Dorfes, die wie alte Freunde nebeneinander standen, und in der Ferne, von der Terrasse im obersten Stockwerk aus, jenes Meer, das er ihr am Tag der Kirschen versprochen hatte. Das Meer war immer da, auch wenn man es nicht sehen konnte: Man spürte es im Rauschen, in der Luft, die nach Salz und mediterraner Macchia roch. Der Dachboden war der Ort der Geheimnisse. Dorthin gingen sie, wenn sie allein sein wollten, aber nicht, um sich zu streiten – sondern um zueinander zu finden. Um dorthin zu gelangen, stieg man eine hölzerne Wendeltreppe hinauf, die bei jedem Schritt knarrte, als wolle sie sagen: „Wir sind da, wir sind da, noch ein bisschen.“ Er bewahrte dort seine Chemie- und Gedichtbände auf, die in wackeligen Stapeln aufgeschichtet waren. Sie bewahrte dort die Kräuter auf, die auf der kleinen Außenterrasse wuchsen: Rosmarin, Salbei, Minze, Basilikum. Der Abstellraum war das Reich der fröhlichen Unordnung, wo Dinge verloren gingen und Lächeln wiedergefunden wurden. Die Garage war ihre kleine Werkstatt, wo er ihr Fahrrad reparierte und sie ihm dabei zusah, ihm absichtlich die falschen Werkzeuge reichte und sie sich zwischen dem einen und dem anderen Schraubenstich gestohlene Küsse gaben. Sie sind gemeinsam in diesem Haus alt geworden. Er kam weiterhin von der Solvay-Fabrik zurück, die Hände voller Kalk. Sie kochte ihm weiterhin jeden Morgen im Erdgeschoss Kaffee, vierzig Jahre lang. Das Lachen erfüllte jeden Winkel, jede Treppe, jede Terrasse, jeden Riss in der Wand. Dann sind sie eines Tages weggegangen. Für immer? Nein, nur um in der Nähe ihrer Enkelkinder zu sein, die inzwischen groß geworden waren und sie brauchten. Aber das Haus ist hier geblieben, noch immer warm, noch immer erfüllt von jenem Lachen, jenen Abendessen, jenen Sonntagvormittagen mit der verstimmten Gitarre. Und das Tor mit den drei Unendlichkeitszeichen steht noch immer da, mit ihren Initialen, um jeden Vorbeikommenden daran zu erinnern, dass man Liebe manchmal tatsächlich sehen kann. Es ist kein trauriges Haus. Es ist ein Haus, das gelernt hat zu lieben. Und es wartet nur auf ein neues Paar, eine neue Familie, eine neue Geschichte, die es zu erzählen gilt.